Seit einiger Zeit bemerke ich ein Phänomen, das in der Whiskybranche zunehmend um sich greift: Noch sehr junge und unausgereifte Whiskys werden abgefüllt und angeboten. Das Erstaunliche dabei ist aber nicht allein die Tatsache, dass die Verbraucher bereitwillig zu diesen unfertigen Produkten greifen, sondern dass sie anscheinend ohne mit der Wimper zu zucken bereit sind, unverhältnismäßig hohe Preise dafür zu zahlen! Der Whiskyboom der vergangenen Jahre hat zu kräftigen Lagerrückgängen geführt und so manche Destillerie muss ihre Engpässe mit jungen Erzeugnissen überbrücken. Aber zu welchem Preis ist das gerechtfertigt? Der Verkauf junger und dennoch schon gut trinkbarer Whiskys ist absolut in Ordnung und wird von mancher Destillerie auch marketingmäßig super gelöst. Hatten wir nicht alle Spaß daran, die Entstehung des neuen Ardbeg 10 mitzuerleben und jedes Jahr ein Jahr Reifung mehr zu erkosten? Very Young, Young, Almost there – ein nettes Gemeinschaftserlebnis. Und auch Kilchoman fährt seit einiger Zeit auf diesem Schaun-wir-mal-wie-er-wird-Zug mit und entzückt seine Fangemeinde Jahr für Jahr mit einer ein Jahr älteren Abfüllung. Bei neuen Destillerien kommt natürlich noch der Aspekt der finanziellen Belastung in den ersten Jahren hinzu: Solange der Whisky in den Fässern reift, hat man nur Ausgaben, aber keine Einnahmen (bis auf die frühen Fassverkäufe, richtig!). Also schaut man, dass man sobald wie möglich abfüllt und das ist laut Gesetz zum Beispiel nach drei Jahren möglich, wenn sich das Erzeugnis Scotch Whisky nennen soll. Dass es jetzt eine neue Destillerie auf der Insel Lewis gibt ist wunderbar und diese Innovation ist absolut begrüßenswert. Doch als ich gestern den newsletter der Abhainn Dearg Distillery erhielt, musste ich doch schlucken: Die drei Jahre sind um, der erste Whisky wurde abgefüllt und wird nun in limitierter Auflage angeboten. Holla – 150 Pfund (ca. 170 Euro) kostet der Tropfen, als 0,5 Liter-Flasche wohlgemerkt! Ein Literpreis von 340 Euro also. Dass diese Flasche in stylischer Kiste aus Teakholz auf die Reise macht, kann doch wohl den hohen Preis nicht rechtfertigen, oder? (Was kostet Teakholz eigentlich?) So sehr ich mich auch bemühe, Verständnis für diese ambitionierte Ein-Mann-Destillerie von Mark Tayburn aufzubringen – es will mir nicht so recht gelingen. Und bis ich einmal die Möglich habe, diesen Wundertropfen auf einer Messe zu probieren, tröste ich mich mit einem leckeren A‘bunadh oder einem 13jährigen Laphroaig – die kosten noch nicht mal ein Viertel soviel und ich weiß, dass es sich lohnt….