Das In-Getränk der 70-er

Der Likör Escorial Grün war vor allem in den 70-er Jahren ein bei Männern wie Frauen gleichermaßen beliebtes In-Getränk. Ähnlich der französischen Chartreuse Grün ist das wohl auf seinen süßen Geschmack mit dezentem Waldmeister-Aroma und den außergewöhnlich hohen Alkoholanteil in Höhe von 56 Volumen-Prozent zurückzuführen. Es gab Wirtshäuser, die Escorial Grün prinzipiell nicht ausgeschenkt haben, weil – salopp formuliert – bereits der Genuss eines einzigen Gläschens vor allem Frauen willenlos machen konnte. Damals wie heute eignet sich der hochprozentige Kräuterlikör äußerst gut zum Flambieren, was besonders in Verbindung mit Eiswürfeln ungemein faszinierend ausschaut und dem Likör eine gewisse Sanftheit verleiht. Die Beliebtheit von Escorial kam in den 1920-er Jahren parallel mit dem noch stärkeren Absinth auf, als ausgehend von der Künstler-Szene der Genuss hochprozentiger süßer Spirituosen zum so genannten guten Ton gehörte und Liköre zu wahren Luxus-Getränken wurden. Vom Boom besonders hochprozentiger Getränke ist in neuerer Zeit nicht mehr viel spürbar: Ende des 20. Jahrhunderts etablierte sich vielmehr eine neue Leichtigkeit, wodurch die Nachfrage bekömmlicherer Alkoholika durch einen Großteil der Konsumenten in Fahrt kam und im Zuge dessen auch alkoholfreie Bier-, Wein- und Sekt-Sorten populär wurden. Heute ist Escorial Grün eher ein Traditionsgetränk für Insider und wird häufig in der gehobenen Küche verwendet, da er sich ganz besonders gut zum Flambieren eignet. Aufgrund seiner 56 % Alkoholgehalt kann er direkt angezündet werden und verleiht vielen feinen Pfannengerichten und Desserts eine unverwechselbare fruchtig-würzige Karamell-Note.

 

Jedes Kind braucht einen Namen

Escorial ist ein deutscher Likör, der von der Likörmanufaktur Anton Riemerschmid in München kreiert wurde. War der Ur-Escorial zunächst gelb und enthielt 43 % Alkohol, kam 1960 der markigere Escorial Grün auf den Markt und entwickelte sich zum wahren Kult-Getränk des Wirtschaftswunders in Deutschland. Das Unternehmen Riemerschmid blieb lange Zeit in Familienhand, bis es 1996 von der Underberg AG aufgekauft wurde. Es gibt bis heute keinen Anhalt dafür, ob und inwiefern der Name des Likörs etwas mit der spanischen Stadt Escorial zu tun hat. Experten vermuten schlichtweg einen werbeträchtigen Markennamen ähnlich den Chartreuse-Likören. Escorial gibt es seit 1910; die Weiterentwicklung Escorial Grün kam 1960 auf den Markt. Bereits 1923 hatte der Künstler Olaf Gulbransson für Escorial die kleine Fee entworfen, die das Getränk mit ihrer Hand umrührt. Gulbransson war passionierter Satiriker und publizierte bis zum Ende der Weimarer Republik regelmäßig Karikaturen im berühmt-berüchtigten Simplicissimus, die mit dem Beginn des Regimes durch die Nationalsozialisten verboten wurde. Die Wochenschrift legte seit 1896 Ausgabe für Ausgabe den erhobenen Zeigefinger der kritischen Gegenöffentlichkeit in die Wunde politischen Unvermögens und kann heutzutage vollständig im Internet eingesehen werden. Das Bild der kleinen Fee ziert noch heute die Flasche des Escorial Grün, dessen zweiter Namensbestandteil Programm ist, weil der Likör in einem wunderschönen zarten Grün leuchtet. Es kam schon häufiger zu Verwechslungen mit dem grünen Absinth, der ebenfalls gern als Grüne Fee bezeichnet wird.

 

Was ist drin im schmackhaften Grün?

In der Regel werden Rezepturen für Brände und Liköre streng geheim gehalten. Auch der Escorial Grün bildet da keine Ausnahme. Es ist schwierig, seine tatsächlichen Inhaltsstoffe herauszufinden. Ohne Zweifel ist sein hoher Alkoholgehalt charakteristisch für diese Spirituose. Die grüne Farbe ist ein Produkt der Vielzahl der verwendeten Kräuter und Gewürze sowie Farbstoff. Escorial Grün schmeckt köstlich, wird im Winter bei Erkältungen gerne unterstützend genutzt und sollte mit Bedacht genossen werden. Klassisch ist die Variante Feuer & Eis: Dafür werden 2 cl Escorial Grün mit einigen Eiswürfeln in eine feuerfeste Likörschale gegeben und mit einem brennenden Streichholz angezündet. Die Brenndauer ist dabei abhängig von Geschmack und Vorliebe des Genießers. Nach dem Auslöschen kann der Likör vorsichtig genossen werden. Kenner schaffen dies, ohne mit den Lippen das noch heiße Glas zu berühren; (dazu bedarf es allerdings einiger Übung).