Sie heißen Alpestre, Averna, Appenzeller Kräuterbitter, Chartreuse, Fernet Branca, Jägermeister und Ramazotti. Natürlich klingt die Bezeichnung Digestif etwas vornehmer als der schnöde „Verdauungsschnaps“. Es ist nicht ganz klar, ob der heutige Begriff aus dem Französischen „digestif“ oder dem Lateinischen „digestivus“ stammt, jedoch ist die Übersetzung gleichbedeutend mit den Worten „die Verdauung fördernd“. Umgangssprachlich wird der Digestif auch gerne und liebevoll als „Absacker“ bezeichnet. Damit verbunden ist das gesellige Beisammensein, bevor ein schöner Abend ausklingt. Der Digestif rundet also nicht nur die gemeinsame Mahlzeit ab, sondern erfüllt durchaus auch eine soziale Komponente menschlichen Miteinanders. Ein Digestif ist für viele Menschen Ausdruck von Stil und Geselligkeit, er beschließt die Runde auf sanfte Art als Tüpfelchen auf dem „i“. Wenn alle Gläser geleert sind, ist es Zeit, zu gehen. Es ist ein sozialer Ritus. 

Vom Heilelixier zum Verdauungsschnaps

Die Klassiker des Digestifs sind ohne Zweifel in der Gruppe der Kräuterbitter zu finden, und demzufolge meist in der Gruppe der Gewürz- und Bitterliköre zu verorten. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf den Ursprung von Kräuter- und Bitterlikören verwiesen. So sind es Mediziner und Mönche gewesen, die vor vielen Jahrhunderten Kräuter in Alkohol einlegten und somit haltbar machten. Die Extrakte daraus – die sogenannten Heilelixiere – brachten zwar Linderung vor allem bei Magenbeschwerden und Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, waren jedoch absolut ungenießbar. Daraus entsprang irgendwann die Idee, bittere Medizin mit etwas Zucker einzunehmen, was sich bis in unsere heutige Zeit hinein durchgesetzt hat. So kam es, dass seinerzeit den bitteren Elixieren Zucker direkt zugesetzt wurde. Schmackhaft und wohltuend entwickelten sich daraus alsbald die ersten Kräuterliköre, die bald nicht mehr nur als Medizin fungierten, sondern als kleine Köstlichkeiten dem Wohlbefinden dienten und manchmal auch eine angenehme berauschende Wirkung hatten. In der Folge kamen Destillate aus Früchten hinzu, die Obstschnäpse – „Obstler“, die in bestimmten Regionen ebenfalls sehr gerne als Digestif gereicht werden. nehmen auch die mediterranen Sorten an Anisschnäpsen- und Likören im Bereich Digestif einen großen Raum ein. Ouzo 12 und Molinari Sambucca sind bekannte Beispiele. Darüber hinaus bilden die vielen aus Italien stammenden Grappa-Sorten eine noble Variante des Digestifs. Grappa ist besonders hochwertig, wenn er mehrere Jahre im Eichenfass zur Reife gebracht wurde und dadurch eine besonders würzige Milde und wunderschöne Bernstein-Färbung annimmt. Grappa wird aus Traubentrester destilliert und ist nur „echt“, wenn er in Italien hergestellt wurde. Auch ein gepflegter Cognac gilt wie die „Zigarre danach“, die damit in Verbindung steht, als noble Variante: Ein guter Cognac ist gewissermaßen der Inbegriff des vornehmen Digestifs.

 

Ein entzauberter Mythos

Dass Alkohol die Verdauung fördert, ist allerdings nur bedingt richtig. Was wirklich bei der Verdauung hilft, besonders nach üppigen Mahlzeiten oder recht fetthaltigem Essen, sind die in den meisten Digestif-Sorten enthaltenen Kräuter. Es darf daher leise bezweifelt werden, ob der urwüchsige Kräuterbitter zu diesem Zweck nicht doch dem vornehmeren Grappa vorzuziehen wäre. Ohnehin kommt dem Digestif wie auch dem Aperitif eine besondere gesellschaftliche Rolle zu. Ein Digestif gehört einfach zum „guten Ton“. Wer etwas auf sich hält, besitzt gar einen besonderen Digestif-Wagen. Ursprünglich aus der Gastronomie stammend erfüllen diese meist aus Holz gefertigten Wagen auf Rollen und mit mehreren Etagen sowie Stellmöglichkeiten nicht nur einen praktischen, sondern ebenfalls einen höchst dekorativen Zweck. Es gibt sie in vielen unterschiedlichen Größen und Ausführungen. Auf diese Weise serviert, gewinnt das Ritual des „Absackers“ nach dem Essen noch einmal eine ganz besondere Qualität.